Homöopathie, Kritik und ein längst überfälliges Informationsnetzwerk

OK, holen Sie sich schon mal Chips oder Popcorn und ein Kaltgetränk Ihrer Wahl, das wird jetzt ein wenig länger. Sorry, muss sein. Sollten Sie noch nichts davon gehört haben: Es gibt seit Ende Januar ein neues Netzwerk mit dem Namen Informationsnetzwerk Homöopathie. Und dieses neu gegründete Informationsnetzwerk bekam sogar ein überraschend positives Nachrichtenfeedback, wer hätte das gedacht.

Hier finden Sie weitere Infos.

Doch des einen Freud ist des anderen Leid. Und es war natürlich nur eine Frage der Zeit, bis sich auch das Kernkompetenzteam der Homöopathen zu dem neu gegründeten Netzwerk äusserte. Ja, genau, der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte, kurz DZVhÄ. Sie möchten den Artkel lesen? Dann  schauen Sie einmal unter diesem, extra für Sie handgeschüttelten Link.

Homöopathie-Kritiker planen Kampagne: für mehr Glauben an die Schulmedizin!

Und warum auch nicht, es muss auch kritische Stimmen geben.
Erst einmal ein großes Lob. Mir gefällt das Bild des Beitrags, wirklich, da hat sich jemand Gedanken gemacht. Passend zum Thema. Und ganz natürliche sanfte Farben, genau wie die sanfte Mineralwasserwerbung an der Seite. So soll es sein. Ich habe mir bei meinem Artikelbild übrigens auch extra Mühe gegeben.
Und das wars auch schon mit dem Lob, tut mir leid, mehr ist nicht drin. OK später vielleicht noch ein bisschen das Ego streicheln. Kommen wir nun zu dem Artikel selbst. Dafür gibt es nicht so viel Lob.

Keine Sorge, wir nehmen uns nicht Satz für Satz vor. Da müsste ich ein Buch schreiben und….hmmm….vielleicht….nein, nicht jetzt.

Beginnen wir mit dem Titel (erst einmal die Pflicht, dann nähern wir uns der Kür) Ich gebe zu, mir haben auch nicht alle Beschreibungen in der Presse gefallen. Ich sehe das teilweise ein bisschen differenzierter und würde nicht gleich ein provokantes Schimpfwort in den Titel schreiben aber hey, gegessen, das kann schon mal im Eifer passieren und bezieht sich ja auch auf eine Aussage in der Welt. Allerdings habe ich es so verstanden, dass das Vertrauen IN die Medizin wieder gestärkt werden und der Aberglaube dafür AUS dem Gesundheitswesen herausgenommen werden soll. Denn Glaube ist ja eigentlich das, was die  Homöopathie ausmacht. Das klärt sich aber bestimmt noch von alleine. Bestimmt.

Nach den zugebilligten Lobgesängen auf selektiv ausgewählte Presseaussagen (Hey, erinnern Sie sich noch an den hier?) geht es dann auch schon los.

(…) denn die Homöopathie ist auch mit ganz anderen Dingen verbunden: Sie ist oft ein Einstieg in die Impfskepsis, in Skepsis der Pharmaindustrie generell gegenüber“, ist sich Norbert Aust sicher.

Und nicht nur Norbert Aust. Ich für meinen Teil bin mir da auch recht sicher. (Hatte ich nicht noch Egostreicheln versprochen? Bringen wir es hinter uns, aber behalten Sie Ihre Tomaten noch kurz für sich) Impfkritik ist an sich nicht pauschal falsch. Nur sollte man dabei genau schauen, woran man Kritik übt. Dass die Impfhysterie damals zu Zeiten der Schweinegrippe etwas hochgeschaukelt wurde räume ich ein. Und dass Homöopathie und Impfkritik nicht direkt zusammenhängen kann man wohl als Tatsache ansehen. ABER…

Wie kommt es, dass so häufig auch gerade aus dem homöopathischen Umfeld Kritik auch an den wichtigen Standardimpfungen kommt? Einige Personen aus meinem Bekanntenkreis finden Homöopathie voll super und mit einem Mal Impfen voll doof.  Das ist nicht wirklich representativ, daher schauen wir doch einmal zu den Profis. Machen Sie sich einmal den Spass und googeln Homöopathie und Impfen oder auch Impfkritik. Da finden wir zum Beispiel den Homöopathen Dr. Friedrich Graf, der einen umfangreichen Artikel zum Thema Impfen verfasst hat. Darin heißt es bereits am Anfang

Keine einzige Impfung benötigt hier und heute ein Kind bis zu dem 15. Lebensjahr. Danach kann man allenfalls noch über die Hepatitis B- oder die Rötelnimpfung für Mädchen diskutieren.

Und kurz darauf

Impfungen sind als Injektionen Körperverletzungen und als solche unnatürliche Fremdkontakte, krankmachend zu willkürlicher Lebenszeit, ohne Gesundheitsgewinn, lediglich zur Verhinderung spezieller Krankheiten, ausschließlich Infektionskrankheiten, gedacht.

Mehr? Folgen Sie dem Link am Ende der Seite zur Masernimpfung, wenn Sie es schaffen, diesen Artikel bis zum Ende durchzuhalten. Ein Einzelfall? Weit gefehlt. Schauen Sie weiter in den Google Ergebnissen. Dr. Tinus Smith, Homöopath. Mutige Ärztin (Homöopathin) bekennt:“Ich impfe nicht mehr“. Naturheilpraxen, Homöopathen, welche Glubuli vor Impfungen oder bei Impfschäden, die Liste reißt nicht ab.

Vor einiger Zeit las ich das homöopathiefreundliche Buch Homöopathie Lüge und Wahrheit. Die Bedeutung der Homöopathie in der modernen Medizin.
Darin widmet der Autor ein ganzes und sehr umfangreiches Kapitel mit dem Titel Kinderkrankheiten – Impfschutz oder Impfpfusch? seinen Bedenken an Impfungen. Dabei beruft er sich am Beispiel der Masern auf den deutschen Impfpabst Gerhard Buchwald, dessen schnell durchschaubare Falschpropaganda als Beleg für eine fehlende gesundheitliche Förderung durch Impfungen angeführt wird.
Das sind natürlich nur selektive Einzelfälle, allerdings ist dieses Thema so umfangreich, dass es dafür eines eigenen Artikels bedarf. Eine simple Googlesuche sollte dem interessierten Leser weitere Details offenbaren.

Nun sollte man meinen, dass sich wenigstens der DZVhÄ für Impfungen zum Schutz der Gesellschaft und der eigenen Familie äußert bzw sich deutlich von den oberen Aussagen distanziert. Tut er auch. nämlich hier:

Masern-Debatte: Homöopathische Ärzte lehnen Impfzwang ab

Darin heißt es

Eine nach sorgfältiger Impfaufklärung getroffene Entscheidung für oder gegen bestimmte Impfungen ist zu akzeptieren – eine soziale Ächtung oder gar Strafandrohung von Patienten, Eltern oder Ärzten, die in ihrer Entscheidung von offiziellen Empfehlungen abweichen, wird vom DZVhÄ scharf zurückgewiesen

Wohlgemerkt, nach sorgfälltiger Impfaufklärung, siehe oben. Um es vorweg zu sagen, Frau Bajic spricht sich im allgemeinen für Impfungen aus, das ist lobenswert. Ich interpretiere diese Aussage von Frau Bajic allerdings einmal so. Tut uns leid, Menschen mit Imunschwäche, die ihr auf eine gute Durchimpfungsrate in der Bevölkerung angewiesen seid und nicht geimpft werden könnt, aber jeder Bürger sollte das Recht haben selber über das Wohl seiner Kinder und der Kinder anderer Eltern zu entscheiden, ob sie zum Schutze aller zu einer vernünftigen Durchimpfungsrate beitragen möchten.
An anderer Stelle wiederum sagt sie:

Selbst wenn 100 Prozent der Menschen geimpft seien, könne es weiterhin zu Masernepidemien kommen, da das Verfahren bei 15 Prozent der Menschen nicht wirke

Es tut mir leid, ich verstehe es nicht. Wenn wir sowieso schon 15% Fehlerrate haben, warum sollte man diese noch durch Impfentscheidungen von Eltern, die häufig auf falsche Propaganda hereinfallen auch noch fördern??? Das macht es doch nur schlimmer für die, die nicht geimpft werden können!

Soviel erst mal zu der Impfaussage des Artikels, das musste sein, beim Thema Impfen quillt mir Qualm aus den Ohren und dagegen gibt es offensichtlich keine Globuli. Wie geht es weiter?

Es sei daher erstaunlich, dass genau jene Kritiker, die Kasuistiken stets als „anekdotische Beweisführung“ kategorisch abgelehnt haben, diese jetzt gegen die Homöopathie ins Feld führen wollten, so Bajic weiter.

Na und? Die Homöopathie lebt von der Schilderung einzelner Anekdoten, Homöopathen lassen keine Gelegenheit aus, immer wieder stolz auf einzelne Fallbeispiele zu verweisen. warum also nicht auch mal einzelne negative Fallbeispiele ins Feld führen? Gleiches Recht für alle, oder? Denn sehen Sie, wenn man sich ganz viele Einzelanekdoten zusammen betrachtet, sowohl die positiven als auch die negativen oder neutralen nennt man das eine Studie, und genau damit haben Homöopathen so ihre Probleme, da diese leider immer wieder zeigen, dass Homöopathie nicht über die Wirkung von Scheinpräparaten hinauskommt. Der DZVhÄ hat dafür sogar eine eigene Studienübersicht auf seiner Seite, in der jede Menge Studien, die eine Wirksamkeit der Homöopathie über Placeboeffekt belegen, aufgeführt sind. Diese Studienübersicht können Sie sich hier gratis herunterladen. Auf diese Studienübersicht jetzt genauer einzugehen würde den Rahmen wirklich massiv sprengen. Laden Sie sich die Studienübersicht herunter, denn dieser werde ich noch einen umfassenden Artikel widmen. Versprochen. Indianerehrenwort.
Und da sind wir auch schon beim letzten Stichwort des Artikels. Bitte hier kurz drücken und danach weiterlesen.

Repräsentative Studie: Homöopathie hilft mehr als 80 Prozent der Patienten

Dort wird auf eine Studie des Gesundheitsmonitors der Bertelsmannstiftung verwiesen, die offensichtlich belegt, dass sich unter ärztlicher Homöopathie bei 80% aller Patienten mit chronischen und akuten Krankheiten das Allgemeinbefinden UND der seelische Zustand besserten. Unglaublich! (freu) Endlich können wir aufatmen, der Phantomstreit um eine Wirksamkeit der Homöopathie ist beigelegt. Darauf wird direkt einmal eine Flasche Schampus geköpft.

Moment, bevor wir uns jetzt hier im allgemeinen Freudentaumel sinnlos betrinken schauen wir uns diese sogenannte Studie doch erst einmal an (hier können Sie die Musik gerne wieder ausschalten). Was wurde denn in dieser Studie eigentlich gemacht?

Mit der schriftlichen Befragung von Versicherten der BARMER GEK wurden somit drei Modelle für den Umgang mit der Homöopathie in der GKV verglichen:

Moment. Schriftliche Befragung? Wie jetzt, schriftliche Befragung?

Insgesamt wurden 6.930 Versicherte angeschrieben und gebeten, einen Fragebogen auszufüllen, darunter in den folgenden Gruppen:
•• Gruppe 1 »Arztbindung«: alle 1.980 Versicherten, die sich zum Stichtag in den Homöopathievertrag der BARMER GEK mit dem DZVhÄ mit Arztbindung eingeschrieben haben
•• Gruppe 2 »KV-Vertrag«: eine 1.980 Personen umfassende Zufallsstichprobe der knapp 18.000 Versicherten, bei denen in den letzten zwei Jahren eine homöopathische Erstanamnese im Rahmen der KV-Verträge abgerechnet wurde
•• Gruppe 3 »Ohne Homöopathieleistung«: eine 2.970 Personen umfassende Zufallsstichprobe der knapp sieben Millionen Versicherten, bei denen in den vergangenen zwei Jahren keine homöopathische Gebührenziffer abgerechnet wurde

Für Gruppe 3 wurden bewusst 50 Prozent mehr Personen angeschrieben als jeweils in den Gruppen 1 und 2, da die Antwortbereitschaft aufgrund geringerer Betroffenheit niedriger eingeschätzt wurde.

Nur das ich das richtig verstehe, da wird eine schriftliche Befragung von Kassenpatienten durchgeführt, bei denen sich zwei Gruppen für eine homöopathische Behandlung entschieden haben und eine nicht? Im Ernst jetzt? Und das soll eine Studie sein?
Aber es geht noch weiter. Den größten Rücklauf gab es in Gruppe 1 (39%), den zweitgrößten in Gruppe 2 (27%) und den geringsten in Gruppe drei (20%), die sowieso schon absichtlich verdoppelt wurde. Verwundert das? Ich denke nicht.Ob es jetzt gerade bei Gruppe 1 und 2 so wenig Rücklauf gab, weil die keine Lust hatten den Fragebogen auszufüllen oder nur die antworteten, die von ihren tollen Erfahrungen mit der Homöopathie berichten wollten sei jetzt einmal dahingestellt. Auch dass in Gruppe 1 und 2 jeweils knapp 83% der befragten Frauen waren ist vielleicht nicht wirklich relevant. Die Auswertung der getroffenen Aussagen ist allerdings trotzdem lesenswert.
Womit wir auch schon bei der Quintessenz dieser als Studie bezeichneten Patientenbefragung sind.

Unter ärztlicher Homöopathie besserten sich laut Gesundheitsmonitor bei mehr als 80 Prozent der Patienten mit akuten und chronischen Erkrankungen das Allgemeinbefinden und die seelische Verfassung. – Am deutlichsten gingen jedoch die körperlichen Beschwerden zurück (85 Prozent).

Nur, dass wir uns nicht falsch verstehen, 80% aller Krankheiten verschwinden in der Regel von alleine, ich meine das hatten wir bereits und nichts anderes zeigt diese Patientenbefragung. Abgesehen davon wurde ja in einem anderen Artikel schon einmal dargestellt, dass ein Scheitern in der Homöopathie gar nicht vorgesehen ist, weshalb das Ergebnis eigentlich nicht wirklich verwundert, sondern vorhersehbar ist. Und das Phänomen vieler Krankheiten in Form der Regression zur Mitte (kommen und gehen der Symptome durch natürlichen Krankheitsverlauf) sollte man dabei vielleicht auch nicht ganz vergessen.
Das Einzige, was hier in dieser Patientenbefragung gemacht wurde, ist die Zufriedenheit der Homöopathiebefürworter zu bestätigen. Und das wird dann als representative Studie bezeichnet. Na gut.

Sehen Sie, lieber DZVhÄ, genau aus diesem Grund ist ein Informationsportal, welches die Informationen zur Homöopathie gründlich durchleuchtet und analysiert und einige Verständnisfehler erklärt, die vielleicht durch eine begeisterte Voreingenommenheit auftreten können, längst überfällig. Denn damit können aus Patienten, denen häufig nur sehr einseitige  Informationen in Form von Propagandasprüchen und Propagandastudien zur Verfügung gestellt werden durch umfassende Aufklärung mündige Patienten gemacht werden. Patienten also, die ihre Entscheidung ob Homöopathie oder nicht auf Basis umfassender Informationen treffen können. Daher wird es in der nächsten Zeit bestimmt eine sehr interessante Zusammenarbeit geben. Und auf die Studienliste gehe ich in einem weiteren Artikel auch noch einmal umfassend ein, damit man diese vielleicht noch einmal ein wenig von überflüssigem Ballast bereinigen kann. Versprochen.

Ist noch Popcorn da? Und kann endlich mal jemand die Musik ausmachen?

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4 Gedanken zu “Homöopathie, Kritik und ein längst überfälliges Informationsnetzwerk

  1. Pingback: Warum sollte man Homöopathie nicht einfach als Placebo-Medizin akzeptieren? @ gwup | die skeptiker

  2. Pingback: „Es ist Pseudomedizin“: Das Netzwerk Homöopathie in der Süddeutschen Zeitung @ gwup | die skeptiker

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